News

< Klimaziel 2020 nur durch schnelle Stilllegung von Kohlekraftwerken erreichbar
24.11.2016 20:02 Alter: 271 days
Kategorie: 3-2016, Ökologische Verantwortung

Handtuch ist nachhaltiger als Papier

Handtuchrolle oder Papierspender, was ist nachhaltiger auf betrieblichen und öffentlichen Toiletten? Offenbar siegt Mehrweg über Einweg: 95 Prozent weniger Abfall, 48 Prozent weniger Energie und ein um 29 Prozent niedrigeres Treibhauspotenzial durch die Handtuchrolle, zeigt eine Untersuchung.


In Deutschland sind über 43 Millionen Menschen erwerbstätig. Die meisten von ihnen trocknen sich mehrmals am Tag in Betrieben oder Institutionen die Hände - entweder an einer Handtuchrolle, mit Papierhandtüchern oder Warmlufttrocknern. Diese einfache Dienstleistung, das Trocknen, ist jedoch mit mehr oder weniger Ressourcenverbrauch verbunden, je nachdem, welches Medium man benutzt. Unternehmen und Organisationen, denen eine umfassende Ökobilanz für ihre Nachhaltigkeit selbst bei diesem "trockenen" Thema wichtig ist, können sich jetzt auf eine neue Untersuchung stützen.

Natürlich ist betriebliches Händetrocknen auch ein großes Geschäft, sowohl für die Papierhandtuchhersteller, die Textildienstleister als auch die Jetstream-Produzenten. Die jetzt vorgelegte Studie hat der Wirtschaftsverband des Textil Service WIRTEX in Auftrag gegeben. Die lebenszyklusweiten Bilanzen für Frisch- und Recyclingpapier sowie Handtuchrollen untersuchte die Thinkstep AG nach ISO 14040/44. Grundlage war eine Analyse aus dem Jahr 2006 vom Öko-Institut Freiburg für das Händetrocknen im öffentlichen Bereich oder im gewerblichen Umfeld. Elektrische Lufttrockensystem wurden nicht einbezogen. Einmal um die Kontinuität gegenüber der Vorgängerstudie zu bewahren, heißt es in der Studie, zum anderen wegen der kritischen hygienischen Bewertung der Lufttrockner in einer Studie des europäischen Mutterverbandes ETSA aus dem Jahr 2014. Demnach kommen diese Geräte für sensible Bereiche, in denen Stoffhandtuchrollen eingesetzt werden, nicht als Alternative in Frage.

Im Vergleich der mechanischen Handtrockensysteme schneidet auch in der neuen Studie von 2016 die Stoffhandtuchrolle am besten ab. Trotz des hohen Ressourcenaufwands für die Produktion von Baumwolle (Wasser, Pestizide) und die bis zu 125 Mal wiederholbare Reinigung der Rollen, hat das Mehrwegsystem ökologisch die größten Vorteile. Betrachtet wurden Rohstoffanbau, Herstellung, Verwendung und Wiederaufbereitung sowie Entsorgung beziehungsweise Recycling. Ergebnis: Stoffhandtuchrollen lassen die Papieralternative aus Frischfaser in sechs von acht Kategorien hinter sich, Tücher aus Recyclingpapier in sieben von acht. Gegenüber Frischfaserpapier, das immer noch in vielen Betrieben statt des wesentlich ökologischeren Recyclingpapiers verwendet wird, ist die Bilanz überzeugend: 95 Prozent weniger Abfall, 48 Prozent weniger Energie und 29 Prozent weniger Treibhauspotenzial. Gegenüber Recyclingpapier sieht die Bilanz ähnlich gut aus: Hier sind es 95,4 Prozent weniger Abfall und um 43 Prozent geringeres Treibhauspotenzial bei ebenfalls 48 Prozent geringerem Energieverbrauch. Verglichen wurden neben erzeugtem Abfallvolumen, Energie- und Treibhauspotenzial, auch Luftverschmutzung, Sommersmogbildung, Wasserverbrauch sowie Versauerungs- und Überdüngungspotenzial von Böden. 

Einzig beim Faktor Wasser schlägt der Zeiger zu Gunsten der Papierhandtücher aus. Zum einen ist beim Anbau von Baumwolle meist Bewässerung erforderlich, was 87 Prozent des Wasserbedarfs im Lebenszyklus der Baumwollhandtuchrolle ausmacht. Zum anderen wird in den durchschnittlich 93 Waschzyklen im Leben einer Handtuchrolle Wasser verbraucht, was 13 Prozent des Wasserbedarfs ausmacht. Hinzu kommen noch die Aspekte Pestizideinsatz und soziale Bedingungen der Baumwollproduktion und -verarbeitung, die stark in der Kritik sind.

Zumindest die Ökobilanz der Stoffhandtuchrolle ist also insgesamt wesentlich besser als die der Einmalhandtücher, selbst bei hohem Aufwand für die Produktion und Reinigung. Die Sache wäre für jeden betrieblichen Umweltbeauftragten also klar, wenn er mitentscheidet, welche Trocknungssysteme im Unternehmen verwendet werden. Wären da nicht die modernen Hochdruck-Händetrockner, wie z. B. der Airblade von Dyson oder Geräte von Magic Stream. Sie fegen mit einem Luftstrom von 600 km/h innerhalb von 10 Sekunden jegliche Feuchtigkeit von den Händen. Und haben damit ähnlich gute Trocknungszeiten wie Papierhandtücher. Herkömmliche Warmlufttrockner dagegen sind völlig out: Sie brauchen mindestens 50 Sekunden für ein einigermaßen vergleichbares Ergebnis und gelten als wahre Bakterienschleudern.

Tatsächlich kommt eine Ökobilanzstudie aus dem Jahr 2011 am Materials Systems Laboratory Massachusetts Institute of Technology (MIT) zu dem Schluss, dass Jetstream-Händertrockner (in diesem Falle der Dyson-Airblade) in Sachen Nachhaltigkeit weit besser abschneiden, als vergleichbare Systeme wie Papierspender oder Handtuchrollen, berichtet der Bayerische Rundfunk. Auftraggeber der Studie war in diesem Fall die Firma Dyson. Überprüft wurden nicht nur das Treibhauspotenzial, sondern auch potenzielle Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, Ökosystemqualität, Energieverbrauch, Wasserverbrauch und Bodennutzung, so der Ergebnisbericht der Untersuchung. Im Fazit des BR-Beitrags sieht selbst das Umweltbundesamt die CO2-Bilanz der Hochgeschwindigkeitstrockner als sehr gut an. Der Ressourcenaufwand sei gering, weil sie nur aus einem Motor bestehen, der mit relativ wenig Strom die Hände trocknet. Zusätzlichen Ressourcenverbrauch wie bei Papier oder Rolle gibt es nicht. Nur leider sind sie wesentlich lauter als diese.

Eine Studie eines Forscherteams um den Mikrobiologen Keith Redway von der University of Westminster im Auftrag des Verbands der Zellstoffhersteller (ETS) aus dem Jahr 2015 hatte allerdings ergeben, dass Jet-Händetrockner "Mikrotropfen" über eine Entfernung bis zu 1,5 Metern um das Gerät verteilen. Außerdem konnten bei einer Testreihe mit Hefe (mit der die Hände der Versuchspersonen künstlich verunreinigt wurden) beim Jet-Händetrockner in 20 Zentimetern Entfernung vom Gerät durchschnittlich 67 Hefekolonien festgestellt werden, gegenüber 6,5 bei Nutzung von Papierhandtüchern. Zudem müsse die angesaugte Luft filtriert werden, da sonst Krankheitserreger und Bakterien aus der Umgebungsluft auf die Hände gebracht werden.

Es bleibt also je nach Anwendungsfall kompliziert. Spielt Hygiene die oberste Rolle wie im Krankenhaus, scheiden die Jet-Trockner aus, bei manchen Anwendungen auch aufgrund der hohen Geräuschemissionen. Das Umweltbundesamt fand in seiner vergleichenden Untersuchung der Umweltauswirkungen 2015, dass bei allen Trocknungssystemen keine hygienischen Bedenken bestehen ? außer bei Gebläsetrocknern in sensiblen Bereichen.